„Wir lassen unser Kind abends noch ein bisschen iPad schauen – macht das den Schlaf schlechter?" Das fragen mich Eltern mindestens einmal pro Woche. Und die ehrliche Antwort lautet: Es ist komplizierter als gedacht.
Lasst mich euch erklären, was dahintersteckt.
Was passiert beim Einschlafen im Körper eures Kindes?
Das Einschlafen wird hauptsächlich von Melatonin gesteuert – einem Hormon, das die Zirbeldrüse produziert, sobald es draußen dunkel wird. Melatonin signalisiert dem Körper: „Es ist Abend, Zeit zum Schlafen."
Diese Melatonin-Produktion beginnt bei Babys erst mit etwa 3–4 Monaten – das erklärt auch, warum Neugeborene noch keinen Tag-Nacht-Rhythmus haben. Je mehr Licht das Auge wahrnimmt, desto weniger Melatonin wird produziert. Das gilt für alle Lichtquellen – nicht nur für Bildschirme.
Blaues Licht: gefährlicher als gedacht – oder doch nicht?
Blaues Licht (Wellenlänge 460–480 nm) ist tatsächlich besonders effektiv darin, die Melatonin-Produktion zu hemmen. Studien zeigen, dass intensive Bildschirmnutzung 2 Stunden vor dem Schlafengehen die Melatonin-Produktion um bis zu 50 % reduzieren kann.
Aber: Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum aus dem Jahr 2025 hat bei Kindern zwischen 15 und 24 Monaten untersucht, ob das Ansehen von Geschichten auf dem Tablet schlechtere Schlafwerte erzeugt als Bilderbücher. Das Ergebnis: Der Effekt war deutlich geringer als erwartet. Das Tablet allein war nicht der entscheidende Schlaf-Störer.
Was stört den Schlaf wirklich?
Nach meiner Erfahrung und dem Stand der Forschung sind das die tatsächlich relevanten Faktoren:
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1
Aktivierender Inhalt kurz vor dem Schlafen
Action-Serien, schnell geschnittene YouTube-Videos, aufgeregte Kinder-Shows – all das aktiviert das sympathische Nervensystem. Euer Kind ist danach wach und aufgeregt, nicht entspannt und schläfrig. -
2
Verdrängung des Einschlafrituals
Ein gutes Einschlafritual (Vorlesen, Kuscheln, ruhige Musik) ist einer der wichtigsten Faktoren für guten Kinderschlaf. Wenn das Tablet dieses Ritual ersetzt, fehlt dem Kind der sanfte Übergang in den Schlaf. -
3
Emotionale Stimulation durch Inhalte
Kinder können nicht immer gut zwischen Real und Fiktion unterscheiden. Ein halbverstandenes, beängstigendes Video – auch wenn es für Kinder gedacht ist – kann zu Einschlafproblemen führen. -
4
Passive Nutzung statt aktiver Interaktion
Je passiver die Nutzung (einfach scrollen, Autoplay), desto weniger kontrolliert das Kind sie. Kinder verlieren das Zeitgefühl, bleiben länger wach als geplant.
Empfehlungen nach Alter
| Alter | Empfehlung |
|---|---|
| 0–18 Monate | Kein Bildschirm vor dem Schlafen – und eigentlich zu keiner Tageszeit als aktives Medium. Einschlafritual: stillen oder Flasche, wiegen, ruhige Musik oder Stimme der Eltern. |
| 18 Monate – 3 Jahre | Wenn Bildschirmzeit erlaubt: mindestens 1 Stunde vorher Schluss. Kein Autoplay, keine schnellen Videos. Wenn schon Bildschirm abends, dann ruhige, langsame Inhalte – und ihr seid dabei. |
| 3–6 Jahre | Gleiches Prinzip: 1 Stunde bildschirmfrei vor dem Schlafen. Statt Bildschirm: Vorlesen, ruhiges Spiel, Kuscheln, kurzes Gespräch über den Tag. Das ist nicht nur für den Schlaf besser – es stärkt auch eure Bindung. |
Checkliste: Schlaffreundliche Abendgestaltung
- Mindestens 1 Stunde vor dem Schlafen kein Bildschirm
- Festes Einschlafritual (Abfolge immer gleich)
- Ruhige, gedimmte Beleuchtung im Kinderzimmer
- Kein aufgeregter Inhalt am Abend (auch kein aufregendes Spiel)
- Körperliche Nähe: Vorlesen, Kuscheln, gemeinsame Zeit
- Konsistente Schlafenszeit – auch am Wochenende möglichst ähnlich
Fazit
Ich will nicht, dass ihr Schuldgefühle bekommt, weil euer Kind abends manchmal noch ein Video schaut. Das macht kein Kind kaputt oder direkt den Schlaf schlecht.
Aber das Einschlafritual ist eines der mächtigsten Werkzeuge, die ihr als Eltern für guten Kinderschlaf habt. Es senkt Cortisol, stärkt die Bindung und trainiert das Einschlafen. Kein Bildschirm kann das ersetzen.
Im Schlafkurs von deinkinderdoc lernst du gesunde Einschlafrituale aufzubauen. Im Medienkurs lernst du, wie du Bildschirmzeit altersgerecht gestaltest – ohne Verbote, ohne Schuldgefühle.
Zum Schlafkurs →Häufige Fragen
- Tautz, N. et al. (2025): Tablet vor dem Einschlafen ist gar nicht so schädlich wie gedacht. Ruhr-Universität Bochum / Developmental Psychology. news.rub.de
- Hale, L. & Guan, S. (2015): Screen time and sleep among school-aged children and adolescents. Sleep Medicine Reviews, 21, 50–58.
- Cain, N. & Gradisar, M. (2010): Electronic media use and sleep in school-aged children and adolescents. Sleep Medicine, 11(8), 735–742.
- DGSM – Patientenratgeber Schlafstörungen bei Kindern. dgsm.de
- Taheri, S. (2006): The link between short sleep duration and obesity. Archives of Disease in Childhood, 91(11), 881–884.



