Diese Woche stellte sich ein 12-jähriges Mädchen in meiner Praxis vor. Beim Spielen mit der Katze der Nachbarin wurde sie in den Finger gebissen. Auf den ersten Blick wirkte alles harmlos: keine Rötung, keine Schwellung, keine Schmerzen – lediglich zwei kleine Punktionsstellen.
Und genau hier liegt das Problem: Tierbisse sehen oft harmloser aus, als sie sind.
Wie häufig sind Tierbisse bei Kindern?
Ein Großteil der Bissverletzungen wird laut DGU (Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie) von Hunden (60–90 %) und Katzen (5–10 %) verursacht. Andere Bissverletzungen durch Menschen, Pferde, Meerschweinchen, Kaninchen, Ratten, Hamster, Mäuse oder Schlangen kommen deutlich seltener vor.
| 25 % aller Bisse erleiden Kinder unter 6 Jahren | 34 % betreffen Kinder im Alter von 6–17 Jahren | 60–90 % aller Bissverletzungen verursachen Hunde |
Warum gerade Katzenbisse tückisch sind
Katzen haben sehr feine, spitze Zähne. Dadurch kommt es zu tiefen Stichverletzungen. Was manchmal zunächst harmlos aussieht, sollte ernst genommen werden. Die Haut kann unauffällig aussehen, während sich darunter bereits eine Infektion entwickelt. Denn bei einem Biss werden Krankheitserreger des Tieres auf den Menschen übertragen. Unbehandelt können schwere Entzündungen entstehen, bei denen neben der Haut auch Muskeln, Sehnen, Nerven und Knochen dauerhaft geschädigt werden können.
Besonders bei Bissen an der Hand – und vor allem an den Fingern – ist Vorsicht geboten. Hier können sich besonders schnell folgende Komplikationen entwickeln: Weichteilinfektion (Cellulitis), Sehnenscheidenentzündung, Gelenkinfektion und in seltenen Fällen sogar eine Sepsis. Häufigster Erreger bei Katzenbissen ist Pasteurella multocida.
Wie gehe ich in so einem Fall vor?
Das 12-jährige Mädchen zeigte eine Bisswunde am rechten Zeigefinger – zum Glück nicht in der Nähe des Fingergelenks. Die Wunde sah relativ harmlos aus: keine Rötung, keine Schwellung, und das Mädchen konnte den Finger ohne Schmerzen normal bewegen. In so einem Fall gehe ich immer gleich vor:
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1
Sorgfältige Wundinspektion
Tiefe der Verletzung abschätzen · Beweglichkeit prüfen (Sehnenbeteiligung?) · Schmerz bei Bewegung? |
2
Gründliche Reinigung
Spülung mit steriler Lösung – Kochsalz oder Octenisept. Gründlich und ohne Zeitdruck. |
3
Antibiotika-Gabe
Katzenbiss an der Hand = klare Indikation zur Antibiotikatherapie. Standard: Amoxicillin + Clavulansäure, ca. 5 Tage. |
Katzenbiss an der Hand = Antibiotika. Auch wenn keine Rötung, keine Schwellung und keine Schmerzen vorhanden sind. Je nach Verletzungsmuster und Alter des Kindes kann sogar eine stationäre Krankenhausaufnahme mit intravenöser Antibiotikagabe notwendig sein.
Was darf man nicht vergessen?
Ganz wichtig bei Tierbissen ist auch der Check des Impfstatus. Am besten den Impfausweis mitbringen – es gibt zwei Dinge zu prüfen:
- Tetanus-Impfstatus prüfen und bei Impflücken nachholen
- Bei unbekannten Tieren: ggf. Tollwut-Risiko abklären (in Deutschland zum Glück extrem selten)
Ich empfehle außerdem immer eine Verlaufskontrolle nach 24–48 Stunden. Und Eltern sollen sofort wiederkommen, wenn folgende Warnsignale auftreten:
- Zunehmende Schmerzen
- Rötung rund um die Wunde
- Schwellung
- Bewegungseinschränkung des Fingers
- Fieber
Wie ging es bei meiner Patientin weiter?
Da die Wunde an der Hand war und es sich um einen Katzenbiss handelte, habe ich das Mädchen trotz des harmlosen Erscheinungsbildes mit einem Antibiotikum (Amoxicillin + Clavulansäure) nach Hause geschickt – und eine engmaschige Verlaufskontrolle in der Praxis vereinbart. Eine stationäre Aufnahme konnte ich ihr damit ersparen.
Fazit
Bissverletzungen durch Hunde oder Katzen bergen ein hohes Infektionsrisiko. Gerade bei unbekannten Katzen und Hunden von Nachbarn oder auf der Straße solltet ihr im Beisein eurer Kinder besonders vorsichtig sein. Erklärt ihnen frühzeitig, wie sie sich bei fremden Tieren verhalten sollen.
Im Erste-Hilfe-Kurs von deinkinderdoc lernst du, wie du bei Bissverletzungen, Wunden und anderen Notfällen ruhig und richtig handelst – erklärt von Aaron.
Zum Erste-Hilfe-Kurs →- Tier- und Menschenbissverletzungen. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 112, Heft 25, 2015.
- Unfallchirurgisch Relevantes zu Bissverletzungen von Mensch und Tier. springermedizin.de
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung – Tierbisse. dguv.de



